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 Herausforderndes Verhalten


Herausforderndes Verhalten bei Menschen im Autismus-Spektrum

Herausforderndes Verhalten stellt Fachkräfte in pädagogischen, therapeutischen und pflegerischen Kontexten häufig vor besondere Anforderungen. Dabei ist es wichtig, Verhalten nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit den individuellen Voraussetzungen der Person sowie den Anforderungen ihrer Umwelt zu verstehen.
Aus autismusfachlicher Perspektive gilt die Annahme, dass herausforderndes Verhalten in der Regel kein bewusstes Fehlverhalten oder eine gezielte Provokation darstellt. Vielmehr handelt es sich häufig um den Ausdruck von Überforderung, Stress, eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten oder unerfüllten Bedürfnissen.
Der Low-Arousal-Ansatz nach Bo Hejlskov Elvén basiert auf der Grundannahme:
"Menschen, die sich angemessen verhalten können, tun dies in der Regel auch."
Zeigt eine Person Verhalten, das für ihr Umfeld problematisch erscheint, sollte daher zunächst die Frage nach den Ursachen und Funktionen des Verhaltens gestellt werden.

Mögliche Erscheinungsformen

Herausforderndes Verhalten kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Dazu gehören unter anderem:

  • verbale oder körperliche Aggressionen
  • Selbstverletzungen
  • Weglaufen oder Verweigerung
  • starkes Schreien oder Lautieren
  • soziale Rückzugstendenzen
  • stereotype Verhaltensweisen
  • zwanghafte Rituale
  • ausgeprägte Unruhe oder Hyperaktivität

Die Bewertung als „herausfordernd“ entsteht dabei häufig aus der Perspektive des Umfeldes. Für die betroffene Person erfüllt das Verhalten oftmals eine wichtige Funktion.

Funktionen von Verhalten

Verhalten dient der Kommunikation. Dies gilt insbesondere für Menschen, die ihre Bedürfnisse, Gefühle oder Belastungen nicht ausreichend sprachlich ausdrücken können.
Herausforderndes Verhalten kann beispielsweise folgende Funktionen erfüllen:

  • Aufmerksamkeit oder sozialen Kontakt herstellen
  • Anforderungen vermeiden
  • Überforderung signalisieren
  • sensorische Reize reduzieren oder kompensieren
  • Kontrolle über eine Situation zurückgewinnen
  • Frustration ausdrücken
  • körperliches Unwohlsein oder Schmerzen anzeigen

Für Fachkräfte ist daher weniger die Frage „Wie kann das Verhalten beendet werden?“ relevant als vielmehr die Frage „Welche Funktion erfüllt das Verhalten für die Person?“.

Autismus-spezifische Einflussfaktoren

Menschen im Autismus-Spektrum erleben ihre Umwelt häufig anders als neurotypische Personen. Bestimmte autistische Besonderheiten können das Risiko für Überlastungsreaktionen erhöhen.
Hierzu zählen unter anderem:

Sensorische Besonderheiten

Viele Menschen mit Autismus reagieren empfindlich auf Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder visuelle Reize. Eine für andere unproblematische Umgebung kann daher bereits eine erhebliche Belastung darstellen.

Schwierigkeiten in der sozialen Informationsverarbeitung

Soziale Situationen sind häufig komplex und wenig vorhersehbar. Missverständnisse, unklare Erwartungen oder mehrdeutige Kommunikation können Unsicherheit und Stress auslösen.

Exekutive Funktionsstörungen

Planung, Flexibilität, Impulskontrolle sowie die Anpassung an Veränderungen können erschwert sein. Unerwartete Übergänge oder kurzfristige Planänderungen stellen daher oft eine erhebliche Belastung dar.

Kommunikationsbarrieren

Wenn Bedürfnisse, Schmerzen oder Überforderung nicht ausreichend kommuniziert werden können, bleibt Verhalten häufig das wirksamste Ausdrucksmittel.

Das Stressmodell nach Elvén

Zur Erklärung herausfordernden Verhaltens eignet sich das Stressmodell nach Elvén.
Demnach befindet sich jede Person auf einem individuellen Erregungsniveau. Treffen Belastungsfaktoren auf die Person, steigt dieses Niveau an. Solange ausreichende Regulationsstrategien zur Verfügung stehen, kann die Person ihr Stressniveau wieder senken.
Viele autistische Menschen nutzen hierfür beispielsweise:

  • Schaukeln
  • Wippen
  • Händeflattern
  • Summen
  • Wiederholte Bewegungen
  • Rückzug

Diese Verhaltensweisen dienen häufig der Selbstregulation und sollten nicht vorschnell unterbunden werden.
Steigt die Belastung weiter an und reichen die Regulationsstrategien nicht mehr aus, kann es zu einer Krise kommen.

Meltdown und Overload

Ein Meltdown ist keine Trotzreaktion und kein bewusst gesteuertes Verhalten. Vielmehr handelt es sich um eine akute Überlastungsreaktion, bei der die Selbstregulationsfähigkeiten vorübergehend nicht mehr ausreichen.
Mögliche Anzeichen sind:

  • Schreien
  • Weinen
  • Aggressionen
  • Selbstverletzungen
  • Weglaufen
  • Zerstören von Gegenständen

Einige Personen reagieren statt mit äußerlich sichtbaren Verhaltensweisen mit Rückzug, Erstarren oder emotionaler Abschottung (Shutdown).

Handlungsempfehlungen für Fachkräfte

Die Grundlage professionellen Handelns bildet eine sorgfältige Verhaltensanalyse.
Zentrale Fragestellungen sind:

  • In welchen Situationen tritt das Verhalten auf?
  • Welche Auslöser lassen sich erkennen?
  • Welche Funktion könnte das Verhalten erfüllen?
  • Welche Belastungsfaktoren liegen vor?
  • Welche Ressourcen und Regulationsstrategien nutzt die Person bereits?

Präventive Maßnahmen können sein:

  • Schaffung klarer Strukturen
  • Visualisierung von Abläufen
  • Vorhersehbarkeit und Transparenz
  • Anpassung von Anforderungen
  • Reduzierung sensorischer Belastungen
  • Förderung alternativer Kommunikationsformen
  • Unterstützung bei Übergängen und Veränderungen

Umgang in Krisensituationen

In akuten Belastungssituationen hat sich ein Low-Arousal-Ansatz bewährt.
Hierzu gehören:

  • ruhiges Auftreten
  • reduzierte Sprache
  • Verzicht auf Diskussionen und Belehrungen
  • Vermeidung von Druck und Konfrontation
  • Wahrung persönlicher Distanz
  • Bereitstellung eines reizarmen Umfeldes

Das Ziel besteht nicht darin, Kontrolle über die Person auszuüben, sondern die Wiederherstellung ihrer Selbstregulationsfähigkeit zu unterstützen.

Fazit

Herausforderndes Verhalten bei Menschen im Autismus-Spektrum ist in den meisten Fällen als Ausdruck von Stress, Überforderung oder unerfüllten Bedürfnissen zu verstehen. Eine fachlich fundierte Haltung zeichnet sich dadurch aus, Verhalten als Kommunikation zu betrachten und die Verantwortung für notwendige Anpassungen nicht ausschließlich bei der betroffenen Person zu verorten. Die Analyse von Auslösern, Funktionen und Umweltbedingungen bildet die Grundlage für eine nachhaltige und respektvolle Unterstützung.

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